Stararchitektur und Nutzerinteressen – Ein Widerspruch?

Persönliche Gedanken und Erlebnisse zur Ladenpassage im Bahnhof Stadelhofen, Zürich. Ein Beispiel für ein konkurrenzierendes Verhältnis von Nutzerinteressen und grosser Architektur.

Eine ähnliche Sprachlosigkeit wie beim Genuss einer Lieblingsspeise, durchfuhr mich und meinen besten Freund, als wir um 1990 als Teenager zum ersten Mal in die Ladenpassage des von Santiago Calatrava gebauten Bahnhof Stadelhofen standen. Die Architektur dieser Ladenpassage war so wie man es von einem Bahnhof nicht erwarten konnte. Schaute man in den leicht gekrümmten Raum eröffnete sich einem eine organisch geformte Betonskulptur, welche sich über etliche massive und doch feingliedrig anmutende Betonstützen in die Länge zog. Es hätte auch eine Krypta sein können, denn der Raum verströmte ein quasi-sakrales Gefühl. Läden oder Hinweise auf Läden waren nicht zusehen, ausser wenn man auf derselben Höhe im Raum stand. Faszinierend!

…20 Jahre später…

Den tausenden Pendlern, die täglich auf dem Weg von „hier“ nach „dort“ durch diese selben Räumlichkeiten haschen, wird die magisch anmutende Gestalt derselben Räume kaum mehr auffallen. Sie, die wichtigsten Nutzer haben über die Jahre ihren Bahnhof voll in beschlag genommen.

Und was ist mit der Ladenpassage passiert – mit den Läden, welche der Passantenstrom ursprünglich gar nicht richtig zu sehen bekam – mit der sakralen Stimmung? Diesbezüglich kann man sagen, dass Bahnhof Stadelhofen nicht mehr derselbe. Über die Jahre haben sehrwahrscheinlich auch die Ladenbesitzer, auch sie wichtige Nutzer, ihre legitimen Interessen eingefordert. Für die sicherlich hohe Miete wollten sie bestimmt auch gesehen werden[1]. Nach relativ kurzer Zeit wurden an den Betonstützen homogen gestaltete Ladenschilder angefügt um auf die entsprechenden Läden hinzuweisen. Damit konnte der Passant, ohne auf den Ladenplan zu schauen sehen, ob es einen seinen Kaufinteressen entsprechenden Laden gab. Wiederum einpaar Jahre später, begannen die Verkaufswaren der Läden in die Ladenpassage selbst hinein zu wachsen. Zusätzliche individuell gestaltete Hinweisschilder wurden zusätzlich aufgestellt. Und auch hier haben die Nutzer den die gebaute Umwelt in beschlag genommen.

Das ursprüngliche Raumgefühl hat sich unter diesen Nutzeranpassungen natürlich verändert. Der quasi-sakrale Eindruck ist einer gewissen unkoordinierten Lebendigkeit gewichen. Der ursprüngliche Eindruck scheinbar purer Ästhetik ist über die Zeit rationaler, nützlicher und pragmatischer geworden.

Mit ca. 20 Jahren im Nachhinein könnte man im Fall Bahnhof Stadelhofen also eine grundlegende Frage zweifach formuliert stellen. Diese Frage ist allerdings eine Generelle, welche sich im konkurrierenden Umfeld von grosser Architektur und pragmatischen und manchmal nicht-ästhetischen Nutzerinteressen wiederholt gestellt werden kann:

1. In wieweit müsste sich die Form- und Materialvollendetheit grosser Architektur, Nutzerinteressen anpassen – und täte sie dies, wäre sie dann noch gross?

2. Müsste man als Auftraggeber, wenn Stararchitekten für Bauten einbestellt werden, nicht auch deren Kompromisslosigkeit über die Nutzungszeit wahren.

[Aufgrund Unsicherheiten bezüglich des Copyrights, finden sich in diesem Betrag keine Bilder zum Bahnhof Stadelhofen. Fotos zu Bahnhof heute zu sehen ist können im Internet generell oder beispielsweise auf Flickr.com gefunden werden. Bilder zum ursprünglichen Zustand können Sie auf Calatrava.com oder im Buch (Santiago Calatrava, Bahnhof Stadelhofen, Zürich, Bernhard Klein, Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen, 1993) gefunden werden.]


[1] Annahme des Autors.

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